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Handel im Umbruch: Bonin rät zur Umorientierung, Daten zeigen ein differenziertes Bild

28. Oktober 2026

Wien — Die Debatte um die Zukunft der Beschäftigung im Handel flammt wieder auf. IHS-Ökonom Holger Bonin zeichnete der Branche jüngst ein düsteres Szenario und empfahl Handelsangestellten, die Chancen in Gesundheits- und Freizeitberufen zu suchen. Experten, Verbände und Zahlen liefern jedoch nuancierte Einsichten.

Handel schrumpft, aber nicht einheitlich

Bonin verwies in der ORF Pressestunde auf den sichtbaren Strukturwandel in Innenstädten: Leerstände und Umnutzungen zugunsten von Gastronomie und Dienstleistern prägten das Bild. Diese Entwicklung werde sich nicht einfach umkehren lassen, so seine Kernaussage. Als Konsequenz empfahl er Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, sich frühzeitig neu zu orientieren.

Ein Blick auf die Daten relativiert die Alarmstimmung. Die Beschäftigung im heimischen Handel sank im ersten Halbjahr um 0,5 Prozent auf rund 530 000 Personen. Der Rückgang fällt damit moderater aus als in Branchen wie Industrie oder Bau. Gleichzeitig kletterte die Zahl der Arbeitslosen im Handel um 3,9 Prozent auf etwa 47 000 Betroffene; im Einzelhandel lag der Anstieg sogar bei 5,4 Prozent.

Arbeitsmarkt zeigt Licht und Schatten

Trotz höherer Arbeitslosenzahlen gab es im Handel rund 11 000 offene Stellen, das sind 12 Prozent weniger als 2025. Anderswo, etwa im Tourismus oder im Gesundheits- und Sozialwesen, stieg die Beschäftigung merklich an, doch auch dort erhöhte sich teilweise die Zahl der Arbeitslosen. Die Lage ist folglich kein eindeutiges Signal für flächendeckende Berufsflucht.

Die Einkommensentwicklung wirkt ebenfalls ambivalent. Vollzeitbeschäftigte im Handel verdienen im Durchschnitt 2 586 Euro brutto, was etwa 1 949 Euro netto entspricht. Bei Teilzeit mit 25 Stunden liegt das Netto-Einstiegsgehalt bei rund 1 237 Euro. Die Teilzeitquote im Einzelhandel ist hoch: Mehr als die Hälfte arbeitet nicht in Vollzeit, und rund zwei Drittel aller Beschäftigten sind Frauen, im Einzelhandel fast drei Viertel.

Flächenrückgang und neue Nutzungen

Der stationäre Handel verliert seit Jahren Verkaufsfläche und Standorte. Zwischen 2015 und 2025 sank die Fläche um 3,5 Prozent, die Zahl der Standorte um 3,1 Prozent; in den Innenstädten ist der Rückgang mit rund 13 Prozent am deutlichsten. Vor allem Mode- und Schuhhandel leiden unter dem Onlinewettbewerb. Zugleich entstehen an freien Standorten verstärkt Gastronomie, Freizeit- und Gesundheitsangebote, wodurch Innenstädte multifunktionaler werden.

Politik und Sozialpartner im Schlagabtausch

Die Reaktionen auf Bonins Empfehlung fielen deutlich aus. Wirtschaftskammer-Vertreter mahnen, der Schluss, Mitarbeitende pauschal aus dem Handel herauszudrängen, greife zu kurz. Persönliche Beratung, Service und Fachkompetenz seien gegenüber dem Onlinehandel klare Stärken, die qualifiziertes Personal erforderten. Gewerkschaften warnen davor, niedrige Löhne in Kauf zu nehmen, weil das die Kaufkraft und damit den Konsum schwächen würde.

Aus Sicht von Standortforschern bleibt der Einzelhandel ein wichtiger Frequenzbringer in Städten, auch wenn seine Rolle sich wandelt. Die zentrale Herausforderung für Branche und Politik besteht darin, Beschäftigte und Betriebe bei der Anpassung zu unterstützen, statt lediglich zum Wechsel zu raten.

Fazit: Bonins Warnung setzt einen Impuls zur Debatte, doch die Zahlen sprechen nicht für einen schnellen, flächendeckenden Ausverkauf von Arbeitsplätzen im Handel. Vielmehr deutet sich ein differenzierter Strukturwandel an, der aktive Gestaltung durch Qualifizierung, Standortpolitik und betriebliche Innovationen erfordert.

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